Montag, 23. August 2010
Leistungssport und die Neue
Der Tag in der Reha ist gefüllt mit physio-therapeutischen Maßnahmen (Bewegungsgymnastik, Spiele), medizinischen Untersuchungen (EKG, Blutdruck, Lungenvolumen) und Sport. Zwischen den Terminen ist immer genug Zeit zum Relaxen. Etwas, was ich mir in meinen zukünftigen Dienstplan in meinem Beruf schreiben werde. Ich schwöre (ob ich auch meinen Mittagsschlaf im Büro machen kann, ist noch fraglich, ich stehe leider in keinem Beamtenverhältnis...). Der Sport ist natürlich zielgruppengerecht. Soll heißen, da das Zielpublikum Sport nur aus dem Fernseher und von der Couch aus kennt, kann das Angebot nur sehr niederschwellig sein. Es gibt aber verschiedene Leistungsklassen. Mein Eindruck ist, dass neben den medizinischen Hinweisen auch die Einteilung nach Bauchumfang geschieht. Unter 100 cm in die Leistungsabteilung, darüber dann in die Sportschongruppe. Irgendwie sehe ich das ja auch ein. Es ist nicht schön, wenn die Plautze auf dem Fahrradergometer den runden Pedaltritt stört. Also kommen diese Kandidaten eher in die "Versehrtensportabteilung". Aber unterschätzen darf man die auch nicht. Heute haben wir zum Beispiel im Freien Boccia gespielt (ja genau das Spiel, welches viele Zeitgenossen einmal im Jahr im heißen Adriasand im Sommerurlaub spielen). Die Versehrtensportgruppe hat uns Supersportler gnadenlos abgeledert. Wir haben kein Land gesehen. Meine Theorie ist nun, das aufgrund des niedrigeren Körperschwerpunktes (Plautze) die gesamte Körperergonomie wesentlich besser für Boccia geeignet ist, als bei uns dürren Heringen. Vielleicht sollten die Krankenkassen auch Boccia für Schwergewichtige in Ihrer Bonusprogramm aufnehmen. Nur so ein Gedanke.

Mein Tischnachbar Uwe und auch Didder werden wohl ab sofort ihre Plautzen einziehen. Ursache ist Brigitte, eine 50 jährige Hausfrau aus Freyung (tiefster Bayerischer Wald). Brigitte ist der Typ von Frau, den wohl viele Männer in Uwe und Didder´s Alter schätzen. Im Sommer wirft sie Schatten, im Winter hält sie warm. Sie hat immer einen flotten Spruch parat, kennt alle Tricks. Sie ist davon überzeugt, auch mit 50 noch mit jugendlichem Style punkten zu können. Sie ist der festen Überzeugung, dass auch Übergewichtige Leggins tragen können und hochhackige Schuhe der pubertierenden Tochter. Brigitte sitzt nun an unserem Tisch. Uwe und Didder haben ihr Benehmen radikal geändert. Keine Grunz- und Schlürfgeräusche mehr beim Essen, keine Herrenwitze, keine Kommentare über andere Frauen im Speisesaal. Andächtige Stille. Nicht ganz, es redet nämlich nur noch Brigitte, im tiefsten Niederbayerisch. Uwe und Didder hängen ihr an den Lippen. Und mahlen sich vermutlich schon eine innige Reha-Beziehung aus. Ich habe Zeit, mich auf mein Essen zu konzentrieren, da ich ihr Niederbayrisch nur schwer verstehe. Für Morgen überlege ich, meine Ohrstöpsel, die ich eigentlich zur Abwehr der Lärmbelästigungen durch meinen volksmusikhörenden Nachbarn und dem Rolladen-Mann über mir gekauft habe, auch im Speisesaal zu verwenden. Wünsche eine ruhige Nacht.

... comment