Mittwoch, 18. August 2010
Warnsignale und der Puls
Bei Jedem und Jeder ziept es ab und zu mal hier und dort. Selbstverständlich rennt Mann/Frau damit nicht sofort zum Arzt. Geht schon wieder weg und ist auch meistens so. Allerdings wäre für manchen und mancher meiner Freunde hier der rechtzeitige Besuch beim Kardiologen die einfachere Nummer gewesen. Mich mit einbezogen. Vielleicht außer Uwe, der schwört, noch nie freiwillig beim Arzt gewesen zu sein. Seine Zähne (oder das was er dafür hält) haben vermutlich noch keinen Zahnarzt gesehen. Wäre in seinem Fall auch fast egal, da er sowieso keine feste Nahrung braucht. Alle Anderen werden nun zukünftig eine festere Freundschaft mit Ihrem Hausarzt und dem Kardiologen schließen müssen. Die Zwangsehe mit der Pharmaindustrie haben wir bereits beim Verkünden der Diagnose "Herzinfarkt" geschlossen. Etwas ernüchternd ist, zu hören, dass durch sämtliche derzeit bestehende Diagnoseverfahren, über die der übliche Hausarzt verfügt, eine Verengung der Gefäße nicht festgestellt werden kann. Dieses können nur speziell ausgestattete Krankenhäuser mit Herzkatheter-Labor und OP. Mit anderen Worten: "Do it Yourself" ist angesagt. Soll natürlich nicht heißen, dass jeder jetzt mit Taschenlampe, verfügbaren Röntgengerät und Minidraht selber an seinem Herzen rumfummelt (Das würde auch ziemlich schnell in einer anderen speziellen Anstalt enden). Soll aber heißen, dass man auf die Warnsignale hören sollte (Engegefühl in der Brust, länger als 5 Minuten anhaltende Schmerzen in der Brust, in den Schulterblättern, Hals, Kiefer, Oberbauch, Übelkeit, Erbrechen, Angst, Atemnot, alles in unterschiedlicher Ausprägung und Vorkommen). Dann heißt es, sofort die 112 wählen. Jede Minute zählt und niemand ist einem böse, wenn sich das Alles nur als blinder Alarm oder als Auswirkungen des serbischen Reisgerichtes von Tante Islana herausstellt. Und das meine ich sehr ernst ohne hier den Oberlehrer raushängen lassen zu wollen. 112 und Dir wird geholfen!

Unser Neuzugang Peter (der Religionslehrer) hat es gleich richtig gemacht. Er ist in einem Klinikum in Nürnberg beim Besuch seiner erkrankten Schwiegermutter gleich dabehalten worden. Er klagte über einige der oben beschriebenen Schmerzsingnale. Didder behauptet allerdings, dass Peters Schwiegermutter der Grund für den Infarkt war. Didder hat uns übrigens heute am Tisch seine neuste Errungenschaft vorgeführt, eine Pulsuhr. Er will nun immer damit seinen Ruhepuls morgens messen um im Bilde zu sein. Das ist im Prinzip richtig, nur versteht er meine Ausführungen nicht, dass er eine Trainingsuhr erworben hat. Er sollte sich also etwas sportlich bestätigen, und kann dann seinen empfohlenen Trainingspuls ablesen. Allerdings sieht er das anders und kontert, dass an seinem neuen Autoradio in seinem Ingolstädter Cabrio auch Funktionen dran seien, die er nicht braucht. Das Argument zieht natürlich und ich bin ruhig. Wünsche einen schönen schmerzfreien Abend aus der REHA Höhenried.

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Dienstag, 17. August 2010
Ich weiß doch wie es läuft...
Heute geht der 7. Tag in der REHA in Höhenried zu Ende. Ich darf mich mit Fug und Recht als Insider bezeichnen. Keiner blickt mehr auf, wenn ich in den Speisesaal komme (Bis auf die mehr als Vollschlanke, die sich selber als Einzelkämpferin bezeichnet und deutlich mehr als ich wiegt und die mir Angst macht...). Die Geschichte der eigenen Erkrankung ist inzwischen bekannt. Jeder weiß, dass ich 3 Stents habe. Ja, und ich hab ne Menge Sport gemacht. Ja, ich habe den Infarkt gemerkt (Aua), wenn auch keine Atemnot gehabt. usw. Diese Geschichte seines persönlichen Erlebens erzählt jeder Neuling während der REHA geschätzte 20 Mal und gefühlte 40 mal. Nun bin ich sozusagen Primaner, und kann selber Tips an Neuzugänge geben. Da wäre zum Beispiel der Tip, sich von den Lieben daheim nach Möglichkeit einen Wasserkocher nebst wasserlöslichen Kaffee mitbringen zu lassen. Der Morgen-Kaffee im Speisesaal hat zwar die richtige Farbe, entbehrt aber sonst von sämtlichen weiteren Merkmalen, die man üblicherweise mit dem Kaffeegenuss verbindet. Wer längere Zeit in Bundeswehrkantinen oder mehr oder weniger freiwillig in Jugendherbergen war, weiß wovon ich rede. Ein weiterer Tip ist auch, den Satz aus der Einladung zu REHA bezüglich der regenfesten Kleidung wörtlich zu nehmen. Dem Wochenplan und den Therapeuten ist es egal, ob draußen gerade sinnflutartige Regenfälle niedergehen, der Starnberger See seine Fläche gerade verdoppelt und in Nähe des eigenen Fensters Enten bedrohlich näher kommen. Wenn dort steht "Bewegung im Freien", heißt des exakt im Freien, ohne Unterstand und Überdachung. Und wer wirklich nicht auf sein Feierabendbier verzichten mag und die Glimmstengel ebenso braucht, sollte sich diese Drogen auf Vorrat organisieren. In der Klinik selber gibt es nur alkoholfreies Bier und definitiv keine Zigaretten. Ich muß natürlich der Form halber an dieser Stelle darauf hinweisen, dass diese Dinge im Klinikbereich unerwünscht sind. Das allabendliche Gescheppere und die Gelage auf dem Klinikparkplatz sprechen jedoch eine andere Sprache.
Wer glaubt, er könnte das hauseigene WLAN nutzen, um sich eben mal geschwind einzuloggen und möglicherweise auf üblen Seiten zu surfen, den muß ich enttäuschen. Zwar kann man eine Internetflat buchen, die einem nach Eingabe einer PIN und seiner hauseigenen Telefonnummer das Surfen im Internet ermöglichen soll, doch es funktioniert nicht. Der Automat bucht zwar lustig den Betrag ab, ein Login ist jedoch nicht möglich. Ich habe den Verdacht, dass man den angeknacksten Herzen seitens der Klinikleitung keinen zusätzlichen Streß zumuten möchte. So manch einer soll schon beim Begaffen nicht ganz jugendfreier Seiten aber auch beim blosen Überprüfen seines Kontostandes über sein Notebook in der Reha zusammengebrochen sein. Das widerspricht natürlich dem Ziel dieser REHA. Noch was für einsame Singles, die sich mit der REHA eine Bekanntschaft und spätere Partnerschaft fürs Leben erhoffen. Vergisst es. In der ersten Zeit kommen die meisten hier als wandelnde Zombies an. Im weiteren Verlauf der Reha ist der Terminplan so voll, dass Mann/Frau kaum auf dumme Gedanken kommt. Und die letzte Woche bietet vermutlich kaum noch Gelegenheit, eine Festigung der Bekanntschaft mit Frau Schlonz und/oder Herrn Müller zu erreichen, welche über das Austauschen von Telefonnummern herausgeht. Auch in dieser Stelle muß ich darauf hinweisen, dass das natürlich in meinem Fall rein theoretische Betrachtungen sind....

Man schreibt sich.

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Montag, 16. August 2010
Von Fleisch- und Pflanzenfressern...
Die Grundkomponenten der Mahlzeiten hier in der Reha-Klinik sind derer 3: Salat, Salat, Salat.
Für Jemanden, der immer beim Griechen den Grillteller ordert, erst mal eine herbe Umstellung. Nicht nur für mich sondern auch für meinen Magen. Der ist soviel verdauungsförderndes Material nicht gewöhnt und gibt dementsprechende Laute von sich. Ich fange an zu verstehen, warum Pferde und Kühe mehrere Mägen haben. Im ersten Magen wird alles zerkaut aufgenommen, im zweiten Magen werden die Gase abgefackelt. Ich trage derzeit zumindest massiv zum Treinhauseffekt bei. Unter Gesamtwürdigung dieser Auswirkungen der Grünnahrung auf die Peristaltik beschließen Didder und ich, gleich noch einen Ausfall zu einer bekannten Schnellimbisskette in der Nähe zu machen. Uwe möchte direkt an einer Dönerbude abgesetzt werden und anschließend sein Vorrat an nicht alkoholfreien Getränken aufstocken. Ich komme mir sehr verwegen vor und schäme mich auch ein wenig. Aber so ein Hamburger (ich verspreche ohne Pommes) muß einfach mal sein. Didder faselt etwas von "Maximenue" und "Eisbecher Hawai". Da wird ich mich dann zurückhalten, wir wollen es nicht übertreiben. Unser religiöser Beistand Peter beschließt sich lieber auf seinem Zimmer noch ein Müsli zuzubereiten. Ich beschließe, sein Angebot, mir auch so einen Genuß zukommen zu lassen, freundlich abzulehnen. Didder fährt übrigens ein Ingolstädter Autofabrikat mit Bedarfsdach (Cabrio). Ich beschließe meinen Look zu verbessern und krame meine Sonnenbrille heraus. In der Ferne sehe ich bereits Uwe zum Treffpunkt schlurfen. Er trägt ein T-Shirt der Brauerei Löwenbräu aus den frühen 90er Jahren, eine kurze Jeansshort und Sandalen. Ich bin dann mal weg, in Erwartung eines spannenden Abends in Freiheit.

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